Im Rückblick ist es immer leicht zu sagen, man habe es schon vorher gewußt. Nur stimmt es wirklich.
Was "böse(tm)" bedeutet, wäre vermutlich durch einen Link auf eine offene Encyclopädie im Netz schneller und besser erklärt als durch eine selbstverfaßte Beschreibung. Aber der Artikel, so es ihn überhaupt gibt, läuft akut Gefahr, wegen Irrellevanz gelöscht zu werden. Alsdenn: Das "(tm)" kennzeichnet, daß ich dieses Wort in einer klar festgelegten Bedeutung verwende, die nicht zu diskutieren ist. Zusammen mit "böse" bedeutet es auf eine Person oder eine Verhalten, daß sie für mich nicht akzeptabel ist, auch wenn das nicht jedem offensichtlich ist. Dabei geht es nicht um irgendwie juristisch sanktionierte Dinge, sondern subtileres: Handlungen, die eine Gefahr bedeuten, Personen, die gegen diffuse Prinzipien von Chancengleichheit, Fairness oder Freiheit verstoßen.
Deshalb ist ohne Not mit Administratorrechten am Computer zu arbeiten böse(tm), das Stöbern im Internet mit veralteten Programmen, oder Surfen mit aktivierten JavaScript. Konzerne als Sinnbild für rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur zählen gerne mit dazu; und Personen, die mit ihrer Macht Gutes(tm) schaffen und pflegen könnten, sie aber mißbrauchen. Die Kriterien, was ich hier für richtig halte ("was richtig(tm) ist"), haben dabei den Anspruch, für die Allgemeinheit zu gelten und eben nicht für den eigenen Vorteil (Ja, ich bin ein Kind des Kategorischen Imperativs; kann mir aber wenigstens herausnehmen, diesen Satz für mich selbst im Alter von 13 oder 14 Jahren gefunden zu haben).
Zurück zum Thema: Microsoft für böse(tm) zu halten ist geradezu schon wieder unmodern. Google wurde aus meiner Sicht böse(tm) schon lange bevor es die meisten überhaupt kannten; und entsprechend werde ich immer leicht unentspannt, wenn Leute unbekümmert persönliche Dinge wie E-Mails, Terminkalender und Leseverhalten dort abwerfen. Als nächstes - damit ich dereinst nicht nur behaupten kann, ich hätte es schon vorher gewußt - steht dann übrigens der Webserver Apache auf der Liste, aber das ist eine andere Geschichte.
Was allerdings erst jetzt bei mehr Personen angekommen ist: Zu den Bösen(tm) muß man auch die Wikipedia zählen. Diese Erkenntnis trage ich schon seit zwei oder drei Jahren mit mir herum, aber nur selten vor mir her. Harten Widerspruch auf meine Meinungen bin ich gewohnt, aber Lust habe ich trotzdem nicht drauf - vor allem, wenn die Kritiker ein halbes Jahr später meine Position eingenommen haben und so tun, als wäre es nie anders gewesen.
Es gab eine Vergangenheit, in der Webspace noch etwas ziemlich Kostbares war. Schon damals haben Menschen dort auch Dinge publiziert, die sie nur privat interessierten. Es war eine Zeit, in der die URLs gerne den Namen einer größeren Einrichtung aus dem Bereich Forschung und Lehre trugen, und weiter hinten folgte eine Tilde. Die inhaltliche Qualität war sehr weit gestreut, die gestalterische noch viel mehr, aber bei einigen spürte man die Liebe und den großen Aufwand, die in Artikel über beliebig exotische Dinge gesteckt worden waren. Die Wikipedia hat hier für eine gründliche Flurbereinigung gesorgt. Die Vereinheitlichung in Design und Struktur haben Lesbarkeit und Erreichbarkeit verbessert; zusammen mit der Möglichkeit, daß auch Leser mal-eben-schnell etwas korrigieren oder beitragen können, ohne großes Wissen über die technischen Hintergründe, war der Grundstock für ein gewaltiges Wachstum gelegt - aber auch das Ende eines im Rückblick so empfundenen goldenen Zeitalters.
Das Problem von Wikipedia ist das Problem von Größe und Zentralisierung. Das erleichtert ohnehin Manipulationen von außen ("Zensur"), und, was das akute Problem ist, es züchtet eine Hierarchie von Verwaltern/Managern/Bürokraten/Beamten/wasauchimmer heran, und darin Menschen, deren Ziel die Machtausübung ist, unter Verlust des Bodenkontakts. Das ist schon bei anderen Strukturen traurig anzusehen, bei einem von großem Idealismus getragenen Projekt ist es pures Gift.
Von Zeit zu Zeit geschieht es, daß ich ein fehlenden Thema finde, zu dem ich beitragen könnte und ich genug Fakten habe. Aber wozu, wenn mir der hinterrücks weggelöscht wird, oder an Kleinigkeiten herumgekrittelt? Anlaß für kleine Korrekturen und Ergänzungen finden sich fast ständig. Weshalb die Initiative ergreifen, wenn es jemand aus nicht verstehbaren Gründen gleich wieder kaputtmachen kann? Ich habe Zugang zu Quellen, um einen bestimmten Artikel qualitativ erheblich zu verbessern; was neben mir nur eine Handvoll Personen tun könnten. Die Lust daran ist mir vergangen.
Denn die Arbeit liegt bei mir. Eine Minute für einen guten Satz ist nicht viel Zeit, und mitunter brauche ich so lange auch schon für ein einzelnes Wort, wenn die Suche nach griffigen Formulierungen ihre Weile dauerte. Vergütung erwarte ich bei einem offenen Projekt nicht, die Währung dort ist freundliche Anerkennung und Nennung desjenigen, der beigetragen hat. Vollständiges Löschen ist Mißachtung und damit das direkte Gegenteil.
Somit bekenne ich mich klar zum Inkludisten. Computer können große Datenbestände katalogisieren und bewerten, und ob es fünf oder fünfzig Millionen Artikel gibt, macht für die Erreichbarkeit keinen wesentlichen Unterschied. Deshalb sei die Liste der Artikel, die keinen Platz verdienen, sehr klein: Grob unrichtig, strafrechtlich relevant. Thematische Überschneidung heilt man durch Vereinigung. Und als relatives Kriterium: Wenig sinnvoll ist die überdeutliche Herausarbeitung eines Einzelthemas, solange vergleichbare Themen deutlich sparsamer bis gar nicht beschrieben sind. Als Beispiel, die Beschreibung des Prellbocks am Gleis 2 des Stuttgarter Hauptbahnhofs ist ungefähr erst dann angemessen, wenn alle Gleise der hundert größten Bahnhöfe Deutschlands ausführlich beschrieben sind. (Für die Herausgeforderten: Im vorigen Satz steckt ein wenig Ironie.) Aber solange ein Artikel inhaltlich und von der Form einigermaßen akzeptabel ist; und er bei Neuentwicklung passend fortgeschrieben wird - warum ihn nicht behalten? Und selbst wenn dies nicht geschieht, kann man ihn immer noch bearbeiten oder als "veraltet, ungepflegt" markieren - und stehen lassen. Löschen greift da deutlich zu weit.
Für mich bleibt Trauer zurück. Wikipedia ist (oder sollte ich bereits schreiben: war?), schon durch das Stöbern darin, ein äußerst lohnender Zeitvertreib,
xkcd kennt das Phänomen auch. Viel sinnloses Wissen, aber auch große Faszination. Über Atomsemiotik (Katzenkontent!) wollte ich mal was schreiben, das lasse ich jetzt bleiben; den langen Artikel über die Entdeckung der Kernspaltung hätte ich gerne jedem Wissenschaftsinteressierten empfohlen; und die Entdeckung, daß
209Bi
kein stabiles Atom ist, sondern eine leckere Haltwertszeit von 19 Trillionen Jahren hat (zur Orientierung: Der Urknall ist so grob gerade mal einen Milliardsten Teil davon her), hat
mich ziemlich vom Hocker gehauen, und ich hätte es sonst nicht erfahren.
Das geht jetzt nicht mehr so unbeschwert. Und wieder etwas Freude verloren.
Kommentare
Tue, 20.12.2011 11:17
Ich denke auch, man schwätzt z uweilen viel, wenn der Tag lan g ist und kann nicht alles ums etzen. Frage ist, sch [...]
Tue, 20.12.2011 01:02
An ihren Früchten werdet ihr s ie erkennen.
Mon, 19.12.2011 23:54
Überlebender von Cighid?
Mon, 19.12.2011 14:59
Hört sich nach meiner Kindheit an.
Thu, 27.10.2011 21:37
Die Realitäten in .de sind seh r schön zusammengefasst. Es i st nach wie vor nicht gewünsch t, daß Mütter arbeiten. [...]
Mon, 25.07.2011 21:03
Du kriegst, wenn du ein Kind b ekommst, einen riesigen Ordner voll mit Papier. Es wuerde re ichen, wenn man den Elte [...]
Wed, 04.05.2011 18:40
Nur der Vollständigkeit halber : Was zu seinem Tod geführt ha t, habe ich bewußt ausgelassen . Denn es ist letztlich [...]
Wed, 04.05.2011 09:01
Ich kann mich auch nich "freue n". Wollte eigentlich auch noc h dazu bloggen. Militärische A ktionen auf fremden Hohe [...]
Tue, 03.05.2011 22:45
Ich sehe es genauso wie du.
Tue, 03.05.2011 20:01
http://www.lawblog.de/index.ph p/archives/2011/05/02/den-sche in-des-anstandes-wahren/ Du bist nicht allein
Wed, 23.02.2011 10:39
Och, man[1] erzählte mir, daß schon so manche Doktorarbeit g elesen wurde, indem sie vier W ochen lang auf einem Sch [...]
Wed, 23.02.2011 09:04
...und ich frag mich immer noc h ob die Prüfer die Arbeit übe rhaupt gelesen haben.
Wed, 02.02.2011 19:51
Ja, latürnich. Aber spätestens seit "wag the dog" bin ich in Medienkritik hinreichend gesc hult, um Objektivität be [...]
Tue, 01.02.2011 19:23
Sorry, aber das ist wirklich e infach
Thu, 06.01.2011 17:36
Da kann man jetzt rumjammern w ie man will - mit FORMALIEN ka nn man jeden festhalten, bis e r schwarz wird. Warum, z [...]