Und noch ein Beitrag zum Thema "heute vor zwanzig Jahren" - ich war sogar in Berlin, aber draußen in einem Außenbezirk saßen wir auch nur ungläubig vor dem Fernseher, als die 19-Uhr-Nachrichten ziemlich gegen Schluß für eine aktuelle Meldung unterbrochen wurden. In die Stadt hineinfahren war irgendwie keine Option. Zumal man ja auch gar nicht wußte, wohin.
So richtig rund ging es dann sowieso erst am 10. - aber den vielen Geschichten meine hinzuzufügen bringt nicht viel, denn sooo besonders war es dann doch nicht. Es waren verrückte Tage in einer Stadt voller absurder Konstruktionen, derer man sich so erst bewußt wurde, als sie so nach und nach verschwanden. Eine schwache Vorstellung kann man davon bekommen, wenn man sich den Eisenbahnverkehr rund um Basel mit den zugrundeliegenden Staatsverträgen zwischen der Schweiz und Baden (und Nachfolgestaaten) zu Gemüte führt. Mit dem wesentlichen Unterschied, daß dort in aller Regel ein Konsens des konstruktiven Zusammenarbeitens geherrscht haben dürfte, was die meisten Fragen auf die von Protokoll und Respekt reduzierte.
Deswegen nur eine Anekdote: Regelmäßig hatten wir Freunde aus Polen zu Besuch, sie waren irgendwo im Elektronikbereich tätig und besorgten sich bei Bedarf spontan in West-Berlin Nachschub, unter sorgfältiger Mißachtung der CoCom-Liste (das sollte jetzt alles verjährt sein), und standen deshalb gelegentlich auch mal unangekündigt vor der Tür. Und so auch diesmal. Am 9. waren sie am Abend losgefahren, wunderten sich bei der Anfahrt auf (West-)Berlin, also Autobahn über Drewitz, nur über die vielen Trabis, und erfuhren erst beim Frühstück, welchen Moment der Weltgeschichte sie gerade verpaßt hatten.
Trotzdem kann ich es im Rückblick nicht nur mit Freude sehen. Denn neben der Unglaublichkeits des Moments gibt es auch noch das Bewußtsein über die Möglichkeiten, die sich geboten haben - und nicht genutzt wurden. Die Dinge, die nötig gewesen wären, und nicht getan wurden.
Daß der Osten politisch und wirtschaftlich verschlissen war, steht außer Frage. Daß aber auch im Westen bei weitem nicht alles eitel Ruhm war, fiel plötzlich unter den Tisch. Man fühlte sich als Sieger, und entsprechend sah man auch keinen Bedarf für eine Korrektur. Die 80er im Westen mögen im Rückblick und im Vergleich als harmlos gelten, aber schon wegen der Punkte Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung war eigentlich jedem, der es wissen wollte, klar, daß es so nicht ewig weitergehen kann. Auch wenn es im Vergleich zu "drüben" harmlos war, aber schlimmer geht ja immer.
Deshalb eine harte These: Freiheit und allgemeiner Wohlstand im Westen hatten ihre Ursache auch in Unfreiheit und Mangel im Osten.
Denn die Existenz des Ostens bremste gleichzeitig den Kapitalismus im Westen - den man dort nicht so nennen durfte, das war "Marktwirtschaft", und mit dem Attribut "sozial" wollte er halt auch beweisen, daß er es besser schafft, den Menschen Demokratie und Wohlstand zu bringen. Dieses Korrektiv ist weggefallen, und als mir jemand Anfang der 90er erklären wollte, daß in den nächsten Jahren ein großer Abbau von Sozialstaat und Arbeitnehmerbeteiligung bevorsteht, wollte ich es nicht glauben; inzwischen ist es Realität. Daß man etwa Lohnkürzungen hinnimmt, war im Westen der 80er einfach nicht denkbar.
Die Innenpolitik (auch wenn das jetzt Dresche geben wird) folgt dem gleichen Schema. Die Möglichkeiten von Überwachung und Bespitzelung haben, jetzt auch durch deutlich verbesserte Technik unterstützt, erschreckend zugenommen; und es gibt wenig Skrupel, sie auch einzusetzen. Fehlt nur noch ein repressives Regime und das Abwürgen einer unabhängigen Justiz.
Nur erwähnen, nicht erläutern will ich noch den Kulturbereich, denn auch da gab es auf beiden Seiten einen Wettstreit; und ich habe in Berlin gesehen, wie viel in den 90ern kaputtgemacht wurde, um lächerliche Beträge zu "sparen", während man gleichzeitig mehrere Milliarden in einer Bankgesellschaft versenkte (was gleichzeitig wieder eine winzige Menge gegen das ist, was gerade bei den bailouts läuft).
Und so weiter ...
Nicht zuletzt: Die Konformisten sind, wie immer, am besten durchgekommen. Die Geschichte von Lehrern, die in der großen Welle 1984 ausreisten, ist eine von vielen Geschichten. Ein andermal.
Inzwischen ist eine Generation erwachsen geworden, die das alles nur aus Erzählungen kennt. Wo die Grenze verlaufen ist, können sie sich noch erschließen, an den Unterschieden auch noch sehen. Ich weiß nicht, ob ich sie deswegen beneiden oder bedauern soll; aber ich bin mir jederzeit genau bewußt, ob ich in dem Teil bin, der früher der Westen war, oder der Osten.
Schließlich, ich erschrecke, weil diese zwanzig Jahre furchtbar schnell vergangen sind. Daß die Welt heute deutlich anders ist als damals, die ihrerseits anders war als weitere zwanzig Jahre davor; weshalb wir erwarten können, daß wir 2029 schneller erreichen werden als wir uns gerade vorstellen möchten, und es nicht die Welt ist, wie wir sie gerade kennen; leider aber auch, daß die Welt nicht gerade ein schönerer Platz geworden ist und die weiteren Aussichten alles andere denn fröhlich sind.
Kommentare
Tue, 08.05.2012 09:09
Als Vortragender bist Du natür lich willkommen! Und bzgl. "K ameras am Austragungsort": da könnt man ja mal ne Bege [...]
Tue, 21.02.2012 08:39
Das Elterngeld ist nichts im V ergleich zu dem Einkommensverl ust, den ich habe, weil ich di e 2 Jahre uebrigen Jahre [...]
Tue, 20.12.2011 11:17
Ich denke auch, man schwätzt z uweilen viel, wenn der Tag lan g ist und kann nicht alles ums etzen. Frage ist, sch [...]
Tue, 20.12.2011 01:02
An ihren Früchten werdet ihr s ie erkennen.
Mon, 19.12.2011 23:54
Überlebender von Cighid?
Mon, 19.12.2011 14:59
Hört sich nach meiner Kindheit an.
Thu, 27.10.2011 21:37
Die Realitäten in .de sind seh r schön zusammengefasst. Es i st nach wie vor nicht gewünsch t, daß Mütter arbeiten. [...]
Mon, 25.07.2011 21:03
Du kriegst, wenn du ein Kind b ekommst, einen riesigen Ordner voll mit Papier. Es wuerde re ichen, wenn man den Elte [...]
Wed, 04.05.2011 18:40
Nur der Vollständigkeit halber : Was zu seinem Tod geführt ha t, habe ich bewußt ausgelassen . Denn es ist letztlich [...]
Wed, 04.05.2011 09:01
Ich kann mich auch nich "freue n". Wollte eigentlich auch noc h dazu bloggen. Militärische A ktionen auf fremden Hohe [...]
Tue, 03.05.2011 22:45
Ich sehe es genauso wie du.
Tue, 03.05.2011 20:01
http://www.lawblog.de/index.ph p/archives/2011/05/02/den-sche in-des-anstandes-wahren/ Du bist nicht allein
Wed, 23.02.2011 10:39
Och, man[1] erzählte mir, daß schon so manche Doktorarbeit g elesen wurde, indem sie vier W ochen lang auf einem Sch [...]
Wed, 23.02.2011 09:04
...und ich frag mich immer noc h ob die Prüfer die Arbeit übe rhaupt gelesen haben.
Wed, 02.02.2011 19:51
Ja, latürnich. Aber spätestens seit "wag the dog" bin ich in Medienkritik hinreichend gesc hult, um Objektivität be [...]